Musikalische Leitung: Till Hass
Inszenierung: Susanne Knapp
Ausstattung: Jakob Knapp
Eisenach 2006

Interview zur Inszenierung
Um was geht es den Menschen in dieser Oper?
Es geht hier um Träume. Es geht um den großen Traum vom Glück,
genauso wie um den Alptraum der Schuld. Es geht um den Menschheitstraum
vom Fliegen und den Traum von der Unschuld - dem Zustand vor der
Erkenntnis, ein Mensch zu sein. In jeden Bereich unseres Lebens nehmen
wir Träume mit. Träume leiten uns, verfolgen uns, führen uns durch das
ganze Leben. Es geht natürlich auch um die Liebe, die Kraft der Liebe,
das Verhängnis der Liebe. Und darum, dass die Liebe ganz nah der Angst
ist. Auch das hat etwas mit unseren Träumen zu tun. Es geht darum, zu
zeigen, was die Liebe mit uns macht, was wir mit der Liebe machen und
wozu wir in der Lage sind, wenn wir an die Liebe glauben.
Stellt Mozart für einen heutig denkenden Menschen die Welt zu
schön dar, schöner als die Wirklichkeit ist?
Nein. Mozart war klug genug, neben den Grausamkeiten dieser Welt auch
die Schönheit zu berücksichtigen. Wir können diesbezüglich von ihm
lernen. Vielleicht haben wir heute eine bestimmte Vorstellung davon, wie
Grausamkeit aus¬zusehen oder zu klingen hat. Das bedeutet aber nicht,
dass Mozart die Welt zu schön darstellt. Das zeigt vielmehr, welche
„Menge Grausamkeit" wir heute brauchen, um von Grausamkeit zu sprechen.
Wie sieht das in Ihrer Inszenierungsidee aus?
Ich möchte in der Inszenierung die Extreme ausloten. Das Extrem des
Himmlischen und Abgründigen erfassen und darstellen mit Mitteln, die dem
Theater eigen sind. Das Unsichtbare sichtbar machen. Dabei mischen sich
Schatten und Puppen, skurrile Begebenheiten und Irritationen in Raum und
Zeit unter die Menschen und bereichern deren Welt der Wirklichkeit mit
dem, was wir jeden Moment erleben, aber der so genannten Realität
unterordnen. So entsteht, so hoffe ich, ein lebendiges Theater, das eine
Sprache sucht, dem menschlichen Streben und Scheitern ein Stückchen
näher zu kommen.
Wo findet die Handlung statt?
In der Oper gibt es drei Orte: den Garten auf dem Landgut des Podestà,
einen Saal im Palast desselben und einen nächtlichen Wald. Damit sind
drei archetypische Orte gegeben, die das menschliche Leben umschreiben.
Der Garten ist ein Paradiesgarten, ein Ort der Unschuld - deswegen
setzen wir Zeichen aus dem Garten Gottes: ein Apfelbaum, ein Brunnen,
eine Katze, Kinder - die Schöpfung am Beginn der Zeit. Dieser Ort ist
auch „Wünscheraum" - ein Raum, der Phantasie und unsere Träume
beherbergt. Für mich ein Ort, an dem man hofft, neu anfangen zu können.
Unsere große, ursprüngliche Sehnsucht: bei Null beginnen können, das
Gefühl von Freiheit, von Zufriedenheit auskosten! Den Zustand erfahren,
in dem alles möglich ist. Doch - und das weiß Mozart eben auch - das
Zurück zu diesem Ort ist unerreichbar! Ein Zurück in der Zeit gibt es
nicht. Die Unschuld ist ein Ur-Ort. Ein Ort, nach dem wir uns ewig
sehnen, den wir jedoch nie erreichen, solange wir leben.
Der Saal des Podestà dagegen ist ein realer Raum, ein Raum des Menschen.
Es ist sein Ort. Das Haus, das Menschgemachte. Das, was den Menschen
kennzeichnet, ist das soziale Miteinander. Kommunikation ist Anfang und
Ende von Konflikten, sie findet laut und leise, direkt und subtil,
körperlich oder geistig statt. Es ist die Vorhalle eines Hauses, ein
Übergangsort zu intimen Zimmern, Fluren, Gängen und Begegnungsstätten.
Dieser Raum erzählt von den Menschen, ihren Wegen und Absichten, ihren
Mitteln und Versuchen, zueinander zu kommen und ihrer Zeit „dazwischen"
- der Zeit vor einer Begegnung, nach einer Begegnung. Es ist ein
geselliger Ort, an dem der Mensch doch sehr oft merkwürdig allein ist.
Der dritte Ort ist der Wald, Sinnbild für die Unterwelt, den Abgrund
unserer Seele. Dem Raum der Liebe gegenübergestellt wird der der Angst.
Angst und Liebe begreife ich als die Urräume der Menschen überhaupt. Es
sind die „Orte", in denen wir uns ausschließlich emotional aufhalten und
aus denen heraus wir handeln. Gefühle wie Wut, Lethargie, Freude,
Euphorie, Lust und Unlust sind Abkömmlinge dieser beiden
Grundempfindungen. Nicht umsonst wird der nächtliche Wald angenommen als
Ort, an dem unsere Figuren an ihre Grenzen geraten. Wir greifen aus
diesem Wald die Substanz heraus und zeigen nur die Dunkelheit. Der
Urraum Angst ist riesig, schwarz und leer. Kein Versteck. Kein
Unterschlupf. Nichts. Nur Finsternis und die eigene winzige Existenz.
Die Leiche Violantes kommt von dort allabendlich, um Belfiore zu quälen.
Seine Erinnerung ist gefangen in diesem Urraum Finsternis. Dorthin wird
auch die echte Violante (alias Sandrina) von der eifersüchtigen Arminda
und Serpetta verschleppt.
In diesem Raum der Finsternis begegnen sich unsere Figuren im zweiten
Finale. Aus diesem Raum flüchten Belfiore und Violante kraft ihrer
Liebe. Sie entkommen, wie auch Ikaros durch die Liebe seines Vaters sein
Gefängnis verlassen konnte oder Theseus durch den Ariadnefaden aus dem
Labyrinth des Minotaurus ans Licht fand. Ob Ikarosflügel oder
Ariadnefaden - sie stehen für die Fähigkeit des Menschen, sich durch
Bewusstsein und Liebe aus dem Chaos zu befreien. Violante und Belfiore
gehen in ihrer Angst und ihrer Liebe über alle Grenzen. Andere mögen
dies Wahnsinn nennen. Doch die das behaupten, bleiben selbst auf Dauer
in der Dunkelheit gefangen. Das Reich der Mythen ist das Reich der
Archetypen, das Reich, das uns alle aufnimmt und beheimatet. Die Flügel
sind nicht nur für Ikaros gedacht, der Rote Faden nicht nur für Theseus.
Wir alle dürfen sie benutzen. Wir alle sind Bestandteil dieser
mythischen Welt.
Doch was passiert, wenn die Realität durch die Glückseligkeit der
Liebe sickert? Wenn Misstrauen, Erinnerung und Eifersucht am Glück
nagen? Was, wenn das ganz normale Leben uns die Vorstellung vom Sterben
nimmt und der Tod dann plötzlich vor uns steht? Dies alles geschieht im
III. Akt. Alle treffen sich im Garten wieder, der allerdings eine ganz
andere Gestalt angenommen hat. Die Figuren dieser Geschichte müssen sich
dieser Welt stellen. Die Mythen helfen ihnen und uns lediglich auf die
Beine. Leben müssen wir selbst.
(Susanne Knapp im Gespräch mit Stefan
Bausch)