Jules Massenet: Werther
Musikalische Leitung: Johannes Rieger
Inszenierung: Susanne Knapp
Ausstattung: Alrune Sera
Nordharzer Städtebundtheater
Premiere: 26. Oktober 2007, Quedlinburg

„Warum in Angst setzt uns der Tod?
Was ist er weiter...
Man hebt den Vorhang auf
und man geht auf die andere Seite.“
3. Akt „Werther“
Aus Gesprächen mit der Regisseurin:
„Als ich „Die Leiden des jungen Werther“ vor vielen Jahren das erste
Mal las, war ich begeistert von Goethes Sprache und seiner Gabe,
Emotionen der Liebe und des Schmerzes so stark auszudrücken. Was mich
heute vor allem interessiert, ist dieser Werther, der sich überall fremd
fühlt.“
„Faszinierend am Roman ist die Sprache. Sie ist sinnlich und
nachvollziehbar, weil sie über einen langen Zeitraum die Entwicklung von
Menschen beschreibt, und zwar aus subjektiver Sicht. Die Sprache
verändert sich mit der Veränderung des Seelenzustands Werthers. In der
Musik von Jules Massenet ist das ähnlich. Wo im Roman Sätze zunehmend
mit „...“ enden, wird im Opernverlauf Werthers Gesang immer kurzatmiger.
Phrasen werden kürzer, brechen ab. Durch diese authentische
Sprachgestalt wird Werthers emotionaler Zustand erlebbar. Sprache und
Musik erweitern die Gefühlsdimensionen und Perspektiven.“
„Völlig neu ist in der Opernfassung die Sicht auf Charlotte, die wir
ja im Briefroman nur über den Umweg der subjektiven Beschreibungen
Werthers erfahren. Das ist meiner Meinung nach ein enormer Gewinn.
Charlotte ist in der Oper eine aus sich heraus agierende Figur. Sie ist
mehr alcht auf
die Dinge, die uns im Roman vorenthalten blieb.“
„Der lange Weg zur Konzeption ist hier besonders interessant, weil
ich mich sowohl mit der Goetheschen Romanvorlage als auch mit der
Opernmusik befassen muss. Ich lese die Roman-Charlotte, die sehr jung
ist und von Werther als engelsgleich und rein beschrieben wird. Dann
höre ich die Musik der Opern-Charlotte, die ganz anders ist, und
dazwischen ist ganz viel Freifläche, die es zu gestalten und zu füllen
gilt.“
„Charlotte sucht eine Welt voller Kreativität, Freiheit und Licht,
all das was sie selber überhaupt nicht mehr hat. Dies sucht sie bei
Werther, der wie ein lichter Fremdkörper in ihr Leben tritt.“
„Nicht ohne Grund gab Massenet der Charlotte eine tiefe Stimme. Damit
ist sie für mich überhaupt nicht die unschuldige Erscheinung, sondern
eine verantwortungsbewusste, starke, tief empfindende Frau. Sie bekommt
ein Gesicht, das sich in der Tiefgründigkeit mit der Entwicklung
Werthers misst. Erst durch die Gleichberechtigung beider Figuren wird
diese Oper wirklich tragisch. Jeder hier hat Recht. Jeder hat seine
eigene Perspektive, seine Träume, seine Trauer und seine Gründe zu
handeln, wie er oder sie es eben tun.“
„Werther sehnt sich nach der Unbeschwertheit der Kindheit, nach einer
Welt, die für ihn unerreichbar ist. Werther wünscht sich Familie und
Geborgenheit. Er flieht regelrecht in Regression, in Projektion und
letztlich in den Tod. Er ist nicht gebaut für die Realität.“
„Was Charlotte an Werther fasziniert, ist seine Empfindsamkeit, sein
frohes, konsequentes, impulsives Wesen. Er ist ein Träumer, ein
Idealist. Das wird ihm zum Verhängnis. Es reißt ihm den Boden unter den
Füßen weg, weil seine ganze Welt zerstört wird. Am Ende ist er
sicherlich noch immer ein konsequenter Mensch, aber mit einer ganz
anderen Grundgefühlslage. In dem Maße wie er schwärmen, formulieren,
begeistern und lieben konnte, kann er eben auch leiden.“
„Im Roman gibt es Figuren, mit denen Werther sich zusehends
identifiziert. Um Werthers Perspektive zu verstärken, tauchen diese
Figuren sparsam in der Inszenierung auf, wie Narrengestalten in Werthers
Kopf. Da ist die Mutter mit den Kindern am Brunnen und der Wahnsinnige,
der im Winter für seine Geliebte Blumen sucht. Werther sieht seine
Umgebung verklärt. Alles was ländlich und natürlich ist, erscheint ihm
wunderbar und harmonisch. Mit dem Alltag dieser Menschen wird er erst
konfrontiert, als seine eigene Traumwelt zusammen gebrochen ist. Als
wäre damit ein Fenster zur Realität geöffnet worden. Doch an dieser
Realität geht Werther zugrunde.“
„Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung. Ich denke, dass es keine
objektive Wahrnehmung gibt. Werther ist ein Mensch, der die Welt ganz
anders betrachtet als sein Umfeld. Da die Sichtweisen so extrem
unterschiedlich sind, haben wir in der Bühnenraumgestaltung eben
wirklich diese Ebenen gesucht und sichtbar gemacht.“
„Die Natur ist für Werther Kraftquelle. Das hat sicherlich etwas mit
Goethes Religiosität und eigenem Verhältnis zu Natur zu tun. Gott wohnt
in der Natur. So ist in der Inszenierung die Natur zum Zentrum für
Werthers Welt geworden. Die ewige Sehnsucht nach Vollkommenheit spiegelt
sich in einem Naturbild, das wie eine Schleuse fungiert und in die
eigene Vision führt.“
„Die Bühne stellt keine realen Räume dar, sondern Emotionsräume.“
„Traum und Wirklichkeit sind nur unterschiedliche Wahrnehmungen und
damit zwei verschiedene Realitäten. Und die können wir visualisieren.“
„Am Ende steigt Werther ganz konsequent aus beiden Welten aus.“
„Verlust ist ein Grundgefühl aller Figuren im Stück. Sie alle
träumen, um mit dem Verlust umgehen zu können. Der Verlust der Mutter
steht im Mittelpunkt der gesamten Familie um Charlotte, Sophie und den
Amtmann. Dieser Verlust hat das ganze Leben dieser Menschen und ihre
Sicht auf die Welt geprägt.“
„Alle Figuren träumen von etwas, das sie nicht bekommen bzw.
verlieren müssen. Werther träumt von Charlotte. Charlotte träumt von
Werther. Charlotte träumt auch von Albert. Sophie träumt von Werther.
Albert träumt von Charlotte. Alle träumen und verlieren. “
„Wir sehen Dinge über die wir nie sprechen, die wir totschweigen, wir
lassen Familienmitglieder ins offene Messer laufen, weil das leichter
ist, als beispielsweise mit der Faust auf den Tisch zu hauen und zu
sagen: so nicht!“
Werther in „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang
Goethe
„Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so
vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum.“
„Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren
nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht; denn ich habe in
meinem Maße begreifen lernen, wie man alle außerordentlichen Menschen,
die etwas Großes, etwas unmöglich Scheinendes wirkten, von jeher für
Trunkene und Wahnsinnige ausschreien musste.“
„Die menschliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Grenzen; sie kann
Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht
zugrunde, sobald der überstiegen ist.“
„Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig
macht, als die Liebe.“
„Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das
mich mit so vieler Wonne überströmte, das ringsumher die Welt mir zu
einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger,
zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt.“
„Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der
Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund
des ewig offenen Grabes.“