Zur Inszenierung Werther
am Nordharzer Städtebundtheater
Eine Liebe in einer Welt zwischen Realität und Traum
Von Dr. Herbert Henning, in: Volksstimme, 29. Okt. 2007
Es ist eine Oper der großen und tiefen Emotionen. Die Musik von Jules
Massenet ist ganz französisch, aber der Inhalt von „Werther" deutsch.
Johann Wolfgang Goethes 1774 erschienener berühmter Briefroman „Die
Leiden des jungen Werther" ist die Grundlage. Susanne Knapp
gelang mit ihrer bei der Premiere umjubelten Inszenierung am Nordharzer
Städtebundtheater etwas ganz Besonderes.
Noch bevor die ersten Takte der
Musik von Jules Massenet erklingen, offenbart sich die das Leben des
Amtmanns und seiner vielköpfigen Kinderschar mit den erwachsenen
Töchtern Charlotte und Sophie nach dem Tod der Mutter beherrschende
Tristesse. Dem Alkohol verfallen, bürdet er Charlotte die
Kindererziehung auf.
Für diesen Seelenzustand finden die junge Regisseurin Susanne Knapp und
Alrune Sera (Bühnenbild und Kostüme) in ihrer
zwingenden Authentizität und Einfachheit beeindruckende Bildmetapher.
Ein leerer Raum, der die Spuren vergangenen Lebens wie die Enge
bürgerlicher, in Traditionen verhafteten Daseins gleichermaßen zeigt,
ist diese Welt. Hier beschwört der Amtmann (Klaus Uwe Rein
in einer bewegenden Charakterstudie) immer wieder die Erinnerung an
vergangene glückliche Tage. Aus dieser Welt bricht er mit seinen
Saufkumpanen Schmidt (Ünüsan Kuloglu) und Johann (Gijs
Nijkamp) ums Vergessen aus. Hier ist der Ort der Begegnung von
Charlotte, die dem „braven" Albert anverlobt ist, und dem „Träumer und
Idealisten" Werther. Dieser Werther kann schwärmen, träumen, Heben,
begeistern, empfinden und unendlich leiden. Und er liebt Charlotte und
lebt diese Liebe in einer Welt zwischen Realität und Traum, als Wanderer
zwischen den Welten.
Das Besondere an der Inszenierung von Susanne Knapp ist, dass sie ganz
nah an Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther" diese
Ambivalenz zwischen Leben und Träumen zeigt. Alle Figuren träumen von
etwas, das sie nicht bekommen bzw. verlieren müssen. Werther träumt von
Charlotte, Charlotte von Werther. Charlotte träumt auch von einem
wohlgeordneten, sicheren Leben an der Seite von Albert, Sophie träumt
von Werther und fühlt sich zu Albert hingezogen. Alle träumen und
verlieren. Beeindruckende, klare Bilder und tiefe Emotionen, wenn sich
immer und immer wieder das triste Zimmer wie von Geisterhand in eine
bizarre, fantastische Naturlandschaft verwandelt, die beweglichen Wände
sich wie Schleusen zu der jeweils anderen Welt öffnen, sich Real-und
Traumwelt vermischen.
Die Inszenierung ist in ihrer Stringenz hochmusikalisch und lässt dabei
an der Gedanken-und Gefühlswelt von Werther und Charlotte kongenial
teilhaben. Dabei erscheinen Figuren aus Goethes Briefroman, wie die
Mutter mit den Kindern am Brunnen oder der Wahnsinnige, der im Winter
Blumen für seine Geliebte sucht, in der Traumwelt von Werther,
verzichtet man auf das üppige Defilee zur Goldenen Hochzeit im
Pfarrhaus.
Bestechende Intensität
Hugo Mallet spielt und singt diesen innerlich
zerrissenen, liebenden und leidenden Werther jenseits aller Tenorposen
mit einer beeindruckenden Leidenschaftlichkeit und strahlender,
unwiderstehlicher Stimme, die er durch alle Register des musikalischen
Ausdrucks gleiten lässt. Eine ganz und gar überzeugende Rollengestaltung
voller packender Emotion, bei der man glaubt: Goethe selbst steht auf
der Bühne!
Zum eigentlichen Zentrum der Inszenierung aber wird Gerlind
Schröder als Charlotte. Mit ihrem vollen, dunklen Mezzo, immer
lyrisch und doch von hochdramatischer Kraft, singt und spielt Gerlind
Schröder die von Werther Angebetete berückend. Im Spiel macht sie
Charlotte mit bestechender Intensität zu einer Frau, die in ein Chaos
der Gefühle gerät, innerlich zerrissen ist, ihre Empfindungen
unterdrückt und in Verzweiflung erstarrt unter den Liebesschwüren von
Werther. Ihre berührende Briefszene, das Liebesduett im 3. Akt und der
verzweifelte Abschied nach dem Selbstmord (inszeniert als schmerzvolle
Apotheose zweier Liebenden), wo sich Charlotte im Angesicht des Todes zu
ihrer Liebe bekennt sind große Momente realistischer Musiktheaters, wie
man viel selten auf Opernbühnen erlebt.
Kerstin Pettersson ist eine muntre Sophie voller
Optimismus und Juha Koskela mit klanglichem Ebenmaß in
der Stimme ein grüblerischer Albert, dessen Misstrauen bis zur offenen
Aggressivität „schleichend" wächst. Dieser Opernabend zeigt einmal mehr
die Qualität des Orchesters unter MD Johannes Krieger,
der auf hitzige Emotionen und lyrische Momente gleichermaßen setzt, die
Sänger auf einem filigran musizierten Klangteppich so trägt, dass man
selbst in den dramatisch-leidenschaftlichen Ausbrüchen jedes gesungene
Wort versteht. Holzbläser, Harfe und Orgel verfeinern den Klang dieser
mitreißend interpretierten Musik.
Jubel und Standing Ovations nach Momenten der ergreifenden Stille am
Schluss. Ein großer Opernabend.
Uwe Kraus, in: Radio HBW, Sonntag 28.10.07
Jules Massenets am 16. Februar 1892 am Wiener Hoftheater uraufgeführte
romantische Oper „Werther", die seit Freitag am Nordharzer
Städtebundtheater zu erleben ist, hat keine Arie, die in
Opern-Klassik-Hitparaden geträllert wird. Seine Spezialität scheint es
mehr zu sein, musikalisch die Konfrontation höchst unterschiedlicher
Gedankenwelten zu suchen. Doch die Inszenierung der jungen Susanne Knapp
nach dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang
von Goethe hat bei allen kleineren Problemen das Potenzial dazu
beizutragen, Massenet wenigstens in unserer Region wieder zu größerer
Popularität zu pushen. Im surrealen Bühnenraum von Ausstattungsleiterin
Alrune Sera und Regisseurin Knapp erlebt das Publikum die romantische
Liebesgeschichte zwischen dem Titelhelden und seiner Angebeteten. Die
sich stets öffnenden und drehenden Wandelemente zwischen sparsam
ausgestattetem Wohnhaus und der Kälte fotografierter Schnee bedeckter
Wälder lassen schon früh etwas von der Kälte ahnen, in der Werther
endet. Doch so recht durchdringen mag der Zuschauer den Sinn dieses
Gewusels mit hervorschauenden Händen, halbgeöffneten und schräg
gedrehten Wänden nicht.
In jenem, nach dem Tod der Mutter leer gewordenen Haus, herrscht
Klaus-Uwe Rein schon längst nicht mehr über den Hausstand. Er betäubt
den Seelenschmerz mit Alkohol und singt mit Schmidt (Ünüsan Kuloglu) und
Johann (Gijs Nijkamp) Sauflieder. Längst ringt Charlotte um die
Erfüllung einer Mutterrolle gegenüber der Geschwisterschar, die
wundervoll vom Kinderchor des Hauses gegeben wird. Sie setzt recht
fraulich auf die Sicherheit des Verlöbnisses mit Albert, das ihr ein
Auskommen sichern wird. So bleibt wenig Raum für den Blick der
eigentlich Pubertierenden ins amüsante Leben. Und plötzlich trifft sie
auf diesen der Welt entrückten Werther, einen Phantasten vor dem Herrn,
einen Liebesträumer, bei dem man sich fragt, ist er nun mehr in
Charlotte oder sich selbst verknallt.
Gasttenor Hugo Mallet vermag es kongenial, diesem Mann liebeswallendes
Blut in die Adern zu drücken. Schmeichelndes Timbre, ein kultivierter
und facettenreicher Tenor, der sein Honorar wert ist. Der Gast vermag
kraftvoll zu intonieren und einfühlsam zu phrasieren. Mallet schwingt
sich zu gewagten Höhen auf, lässt aber auch zuweilen Brüchigkeit
durchschimmern. Er vermag, sich selbst im tiefsten Leid noch in Pose zu
werfen, und vermittelt das Gefühl, der Werther tritt eigentlich
glücklich und von der Welt losgelöst ab. Diese melodramatische Szene
unter dürren Ästen und wirbelndem Laub hat die Regisseurin bildstark
herausgearbeitet. Hat er damit Charlotte unglücklich gemacht, wenn er
zur Pistole greift und seinen Abgang auslebt? Er findet so etwas wie
Erlösung und nimmt Charlotte eine Qual von der Seele, die bis ans
Lebensend ihr Begleiter gewesen wäre. Etikette oder Liebe - die Gefühle
hätten das Herz ausgehöhlt. Doch sie muss nun mit dem Tod der großen
Liebe an der Seite des biederen Alberts in einer biederen Gesellschaft
leben. Und damit, dass sie es war, die Werther auf Geheiß Alberts das
(Selbst-) Mordinstrument reichte.
Gerlind Schröders Charlotte verströmt stimmliche Wärme und schwelgt in
Tönen. Mit dramatischen Eruptionen, mit leidenschaftlich lodernden
Arien, Wandlungsfähigkeit und tiefem Verzweifelt-Sein gibt die gestandene
Sängerin der Rolle jugendlich-erschüttert viel Glanz. Großartig, wie sie
in ihrer Zerrissenheit dem sterbenden Werther zur Seite steht. Sie kann
nicht nur den bezauberndsten Knicks des Ensembles, sie formt den
romantischen Teenie zu einer beeindruckenden Figur der Oper: Kerstin
Pettersson. Ihrer fröhlich Werther anbaggernde Sophie verleiht sie mit
klarer Intonation Konturen und Charme. Nein, sie ist nicht das kleine
pubertierende Schwesterchen neben der doch nur wenig älteren Charlotte,
ihr gab das Aufwachsen ohne Mutter schon eine Portion Blick ins Leben
und nahm ihr kindliche Naivität. Juha Koskela interpretiert Charlottes
Verlobten Albert klangschön, aber durchaus auch mit Dramatik und Tiefe.
Kühle verströmt er in seinen Gefühlen, an manchen Stellen schimmert auch
eitle Selbstsicherheit. Wie von außen observiert er das Gefühlschaos
seiner Charlotte, die er drängt, Werther die Waffe zu überbringen.
Doch was wäre diese Oper ohne die fein versponnenen Klänge der
französischen Spätromantik. Johannes Rieger zelebriert „Werther" als
Grand Opera. Sein Orchester trägt das bis in jede Instrumentengruppe:
präzise Blechbläser-Passagen, ein Saxophon, das deutlich hervortritt,
Streicherklänge wie bei deutschen Schwergewichten à la Strauss. Das
bringt Emotionalität und legt die Vielschichtigkeit der Sprache frei,
die Massenets filigrane Musik spricht.
Wanderer zwischen den Welten
Herbert Henning, Orpheus Heft 1/2 (2008)
Noch bevor die ersten Takte der Musik von Jules Massenet, Werther
erklingen offenbart sich die das Leben des Amtmanns und seiner
vielköpfigen Kinderschar mit den erwachsenen Töchtern Charlotte und
Sophie nach dem Tod der Mutter beherrschende Tristesse. Dem Alkohol
verfallen bürdet er Charlotte die Kindererziehung auf. Für diesen
Seelenzustand finden die junge Regisseurin Susanne Knapp und
Alrune Sera
(Bühnenbild und Kostüme) in ihrer zwingenden Authentizität und
Einfachheit beeindruckende Bildmetapher.
Ein leerer Raum, der die Spuren vergangenen Lebens wie die Enge
bürgerlichen, in Traditionen verhafteten Daseins gleichermaßen zeigt,
ist diese Welt. Hier beschwört der Amtmann (Klaus Uwe Rein in einer
bewegenden Charakterstudie) immer wieder die Erinnerung an vergangene
glückliche Tage. Aus dieser Welt bricht er mit seinen Saufkumpanen
Schmidt (Ünüsan Kuloglu) und Johann (Gijs Nijkamp) ums Vergessen aus.
Hier ist der Ort der Begegnung von Charlotte, die dem „braven"
Albert anverlobt ist und dem „Träumer und Idealisten"
Werther. Dieser Werther kann schwärmen, träumen, lieben,, begeistern,
empfinden und unendlich leiden. Und er liebt Charlotte und lebt diese
Liebe in einer Welt zwischen Realität und Traum, als „Wanderer" zwischen
den Welten.
Das Besondere an der Inszenierung von Susanne Knapp ist, dass sie
ganz nah an Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther" diese
Ambivalenz zwischen Leben und Träumen zeigt. Beeindruckende, klare
Bilder und tiefe Emotionen, wenn sich immer und immer wieder das triste
Zimmer wie von Geisterhand in eine bizarren, fantastischen
Naturlandschaft verwandelt, die beweglichen Wände sich wie „Schleusen"
zu der jeweils anderen Welt öffnen. Dabei erscheinen Figuren aus Goethes
Briefroman, wie die Mutter mit den Kindern am Brunnen oder der
Wahnsinnige, der im Winter Blumen für seine Geliebte sucht in der
Traumwelt von Werther, verzichtet man auf das üppige Defilee zur
Goldenen Hochzeit im Pfarrhaus. Hugo Mallet spielt und singt diesen
innerlich zerrissenen, liebenden und leidenden Werther mit einer
beeindruckenden Leidenschaftlichkeit und strahlender, Stimme, die er
durch alle Register des musikalischen Ausdrucks gleiten lässt, Eine ganz
und gar überzeugende Rollengestaltung voller packender Emotion, bei der
man glaubt: Goethe selbst steht auf der Bühne!
Zum eigentlichen Zentrum der Inszenierung aber wird Gerlind Schröder.
Lyrisch und doch von hochdramatischer Kraft, singt und spielt sie die
von Werther Angebetete. Ihre berührende Briefszene („Ce lettres…"), das
Liebesduett („Pourquoi me reveiller / Warum erwachen") im 3. Akt und der
verzweifelte Abschied nach dem Selbstmord von Werther sind bewegende
Momente dieser Aufführung. Kerstin Pettersson ist eine muntre Sophie
voller Optimismus und Juha Koskela mit klanglichem Ebenmaß in der Stimme
ein grüblerischer Albert, dessen Misstrauen bis zur offenen
Aggressivität „schleichend" wächst Johannes Rieger am Pult setzt auf
hitzige Emotionen und lyrische Momente gleichermaßen Holzbläser, Harfe
und Orgel verfeinern den Klang dieser vom Orchester des Nordharzer
Städtebundtheaters mitreißend interpretierten Musik.