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Zur Inszenierung: Die letzten fünf Jahre am Landestheater Coburg

Schließ’ die Tür, mach’s gut

Marie Bous, in: Neue Presse Coburg, 25.02.08

Er ist am Ende, sie am Anfang der Geschichte angelangt, als es heißt: „Schließ’ die Tür, mach’s gut“ und ein einsamer herzförmiger roter Luftballon im Hintergrund über der Bühne schwebt. Man könnte jetzt die ganze Geschichte noch mal von vorne beginnen lassen, in umgekehrter Reihenfolge. Doch halt, Sie wissen ja noch gar nicht, worum es in dem Zwei-Personenmusical von Jason Robert Brown (Jahrgang 1970) geht. Es geht um das, was viele Paare erleben: Nach der ersten Euphorie des Verliebtseins, als man zusammen- gezogen ist, geheiratet hat, kommt das eigentliche Zusammenleben, der Alltag. Und das ist bekanntlich eins der Schwersten überhaupt.

Jamie, der Schriftsteller, zieht sich in seine Arbeit zurück, hat schnell großen Erfolg; Catherine, die Schauspielerin und Sängerin weiß nicht, ob sie in seinem Leben einen Platz hat, merkt bald, dass sie eigene Anerkennung braucht für ein lebenswertes Leben. Diese beiden erzählen ihre Lebens- und Liebesgeschichte: Jamie (Christian Sturm) beginnt am Anfang und packt am Ende nach einem Techtelmechtel mit der jungen Elise seine Sachen. Catherine (Christine Graham) dagegen beginnt mit dem unrühmlichen Schluss und endet mit der glücklichen Zeit des ersten Rendezvous. Man hat irgendwie den Eindruck, ihre Chancen für die Zukunft könnten besser stehen, weil sie, die betrogene verbitterte Ehefrau, im Lauf des Abends die ganze Sache vom Ende her verarbeitet hat und wieder offen ist für eine neue Liebe, vielleicht mit Jamie? Aber das ist Spekulation.

Nicht unbedingt ein Sujet, wie man es auf einer Musicalbühne erwartet und dennoch wird keiner enttäuscht. Den behandelten Problemen zum Trotz ist es beileibe kein trauriges oder verbiestertes Stück, das in der Reithalle vor sparsamster Kulisse – einige verschiebbare Möbelstücke, im Hintergrund eine zweiflügelige Fenstertür, mehr braucht es nicht – in 90 Minuten über die Bühne fegt. Nicht geringen Anteil daran haben die Songs, die den Darstellern Christine Graham und Christian Sturm auf den Leib geschrieben scheinen, vom hinter einem Gazevorhang agierenden sechsköpfigen Miniorchester (zwei Violinen, Celli, E-Bass und Gitarre) unter Uwe Kohls Leitung am Klavier auf den Punkt assistiert. Diese Songs sind eingängig, kommen einem wie selbstverständlich vor, passen sich der jeweiligen seelischen oder äußeren Situation an, sind informativ, witzig, leidenschaftlich oder melancholisch, immer mitreißend – ob als Solo oder Duett – kommen jederzeit präsent und absolut textverständlich rüber.

Optisch wie sängerisch und darstellerisch geben Graham und Sturm das Traumpaar ab, das sie zu Beginn ihrer Beziehung im Stück sind, auch wenn sie sich – bis auf wenige Szenen, wo die Zeitebenen zusammentreffen – in verschiedenen Lebensabschnitten befinden. Eine Kennzeichnung der zu überwindenden Zeitsprünge wird übrigens durch winzige Änderungen an den Kostümen erreicht. Anja Quentins Ausstattung kommt ohne plakative Darstellung der Schauplätze New York und Ohio bestens aus. Die Inszenierung von Susanne Knapp, die hiermit ihr Musical-Debut in Coburg gibt, hat wie die Musik einen durchgängigen Drive mit Höhepunkten und liebenswerten Gags, die nie überstrapaziert werden.

Köstlichst ausgepielte Szenen wie Cathys Vorsingen im Theater oder eine gemeinsame Autofahrt begeistern ebenso wie die tänzerischen Einlagen, die nahtlos in das Geschehen eingebunden sind (Choreographie Daniel Cimpean). Eine echte Bereicherung ist die den beiden Hauptdarstellern beigegebene, das Bühnengeschehen weitgehend stumm kommentierende Gruppe, die als Exfreundinnen, Journalisten oder Konkurrentinnen beim Vorsingen etc. fungiert, dem Paar zuarbeitet, mittanzt und u. a. die Bühnenmöbel in Windeseile zurechtrückt. Das Publikum in der voll besetzten Reithalle war zu Recht begeistert.

Vorwärts, rückwarts, durcheinander

Musical „Die letzten fünf Jahre“ in der Coburger Reithalle

Gero v. Billerbeck, in: Nordbayerischer Kurier, 25.02.08

Beziehungen im 21. Jahrhundert? Ein unerschöpfliches Thema. Seit Freitagabend wird es auch am Landestheater Coburg wieder aufgegriffen. Dort, in der Reithalle, sehen und hören wir, wie „Die letzten fünf Jahre“ (Stücktitel) bei Cathy und Jamie verlaufen sind. Um das Fazit vorwegzunehmen: Schlecht. Sehr schlecht sogar! Aber wir haben es mit einem US-Musical (von Jason Robert Brown) zu tun, und also müssen wir’s relativ leicht nehmen. Vor allem aber: Nicht so genau! Wir erleben – so die Regisseurin Susanne Knapp – ein Modell, „wie moderne Liebesbeziehungen überhaupt ablaufen“…

Hinreißende Showelemente fesseln in Daniel Cimpeans Choreographien immer wieder. Wenn das Interesse an den fast beliebig aneinander gereihten Ehegeschichten abzuflauen droht, bringen Randfiguren wie Exfrauen, Journalisten oder Mitbewohner das Bühnengeschehen auf Trab. Hinzu kommt die enorme Bühnenpräsenz der beiden Hauptdarsteller. Catherine Hiatt schwächt zwar mit ihrem leichten US-Akzent die Textverständlichkeit, gleicht dies aber mit ihrem differenzierten Spiel mehr als aus. Christian Sturm ist die Verkörperung des Karrieremenschen, dem über dem Erfolg das Privatleben aus dem Ruder läuft. Zudem erleben wir einen Abend expressiver, manchmal auch explosiver Kammermusik (Klavier und Leitung: Uwe Kohls), die anstelle von Melodienseligkeit Ausdruck pur übermittelt.

Das Publikum zeigte sich von all diesen Positiva weit mehr beeindruckt als von den dramaturgischen Schwächen des Stücks und spendierte begeisterten Applaus.
Anfang und Ende der Liebe in packenden Melodien
Mit Jason Robert Browns „Die letzten fünf Jahre“ werden musikalisch fesselnde Szenen einer Ehe geboten.
Carolin Herrmann, in: “Coburger Tageblatt”, 25.02.08

Er ist auf erfolgreichem Trip ins Jamie-Land. Sie bleibt irgendwo und beruflich bei weitem nicht so erfolgreich zurück. Was in gegenseitiger Verzauberung begann, endet nach fünf Jahren in der großen Trauer umeinander. Reizvoll raffiniert wird die im Prinzip alltägliche Story, weil sie von Jamie und Cathy gegenläufig vom Anfang und vom Ende her erzählt wird. Erwähnenswert wird die Geschichte, weil sie ein erstaunlicher junger Komponist, der 1970 in New York geborene Jason Robert Brown, mit den Möglichkeiten der Musik auslotet. Seine wunderbare kleine Oper „Die letzten fünf Jahre“, unter dem beruhigenden Label „Musical“ daher kommend, nimmt uns gefangen als sinnlich und intellektuell packendes Stück über die Sehnsucht und die Unmöglichkeit der Liebe. Browns Musik kommt dazu aus dem jungen Land der freieren Klänge, das Genre-Grenzen nicht mehr kennt.

In der jüngsten Reithallen- Produktion unter der musikalischen Leitung von Uwe Kohls wird ein fesselndes Kunstwerk entfaltet, das uns mit elegischen Streicherklängen, sanften Melodien, rhythmischen Raffinessen, mit jazzigem Drive, weit ausgreifender Show-Geste, rockiger Leidenschaft und lautmalerischen Akzenten ein Stück heutiges Leben durchdringen lässt und uns gleichzeitig darüber erhebt. Und es sind die Musiker aus dem Philharmonischen Orchester des Landestheaters, die uns den Balsam auf die Seele legen: Uwe Kohls als prägnanter und einfühlsamer Pianist, Megumi Ikeda (Violine, alternierend mit Dimitri Faynschmidt), Ralph Braun am Cello (Burkhard Sauber, Johannes Keltsch), Dietmar Engels (E-Bass) und als Gast Werner Küspert mit der Gitarre. Dieses musikalische Elixier ist übrigens auch für nicht Opern-Gewöhnte gut verträglich, und für Musical-Verächter, weil das Stück in seiner Konzentration musikalisch weit darüber hinaus greift. Die hier gewählte deutsche Übersetzung (Wolfgang Adenberg) braucht man zwar zunächst zum Verständnis. Hinnehmen muss man dann allerdings, dass gelegentlich in großer Musical-Geste gesungene deutsche Alltagsformulierungen weh tun.

Gesungen und gespielt wird das von Gastregisseurin Susanne Knapp inszenierte Drama vor und hinter den eher undurchsichtigen Fensterflügeln des abstrahierenden Bühnenbildes von Anja Quentin. Die amerikanische Sopranistin Christine Graham ist in ihrer stimmlichen Vielseitigkeit wie geschaffen für die Grenzen überspringende Musik Browns. Wir folgen ihrer sich aus der Trauer in den Aufbruch der Verliebtheit zurück träumenden Provinzschauspielerin Cathy und ihrem je höheren, desto schöneren Ton 90 Minuten lang gebannt. Christian Sturm als locker vom jungen Leben verführter Schriftsteller wirkte bei der Premiere am Freitag anfangs tänzerisch und gesanglich noch ein bisschen ungelenk, Jazzfeeling suchend, gewann aber zunehmend an Sicherheit bis hin in einnehmend schöne, lyrisch ausgebreitete Passagen. Und dann gilt es zu vermelden, dass Daniel Cimpean auf der Coburger Bühne zurück ist, in dieser Produktion nicht als der hinreißende Solotänzer, als der er noch gut in Erinnerung ist, aber als witziger Choreograf.

Mit einem Trupp junger Tänzerinnen und Tänzer aus Coburg begleitet er den kurzen Lebensweg der Liebe von Jamie und Cathy mit einfallsreich ironisierenden, Stimmung schaffenden kleinen Tanzstücken, ein Vergnügen, das uns mit dem ab der neuen Spielzeit wieder zur Verfügung stehenden Coburger Ballett hoffentlich wieder häufiger zuteil wird. Es tanzen Antonia Bartl, Laura Beyer, Carolin Krüll, Anastasia Scheller, Katharina Weiß, Philipp Haugwitz, Eric Weber und der Mann von der Theaterkasse, Manfred Völk, dem wieder einmal eine köstlich skurriler Auftritt gelingt.